Ab welchem Alter darf man gehen?

Das belgische Parlament stimmt über eine Ausdehnung der Sterbehilfe ab. Die Zustimmung gilt als sicher, Diskussionen gibt es trotzdem.

Der Erzbischof hat Recht. Egal, wie es ausgeht, an seiner Prognose ist nicht zu rütteln: “Belgien steht nicht oft im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit. Aber in diesem Fall richten zahllose Medien aus mehreren Kontinenten ihre Augen auf unser kleines Land.” Der Grund dafür ist der gleiche, aus dem heraus André- Joseph Léonard sich Anfang Februar an die Gläubigen des Landes wendet: das belgische Parlament wird am heutigen Donnerstag abstimmen, ob die Altersgrenze bei Sterbehilfe künftig entfällt.

Um das zu verhindern, riefen Léonard und seine drei Hilfsbischöfe zum Beten, Fasten und zu Mahnwachen auf. Belgien stehe vor einem “äusserst wichtigen Moment” , in dem das “fundamentale Verbot” übertreten werde, ein unschuldiges menschliches Wesen zu töten. Dem Oberhaupt der belgischen Katholiken ist es so ernst, dass sich sein Appell auch an Gläubige anderer Religionen, Agnostiker und Atheisten richtet: “Es ist höchste Zeit, aber noch nicht zu spät!”

Viel Aussicht auf Erfolg dürfte die Aktion nicht haben: je nach Umfrage befürworten bis zu 85% der Bevölkerung Sterbehilfe. Zwischen 70 und 75 Prozent sind dafür, dass das 2002 verabschiedete “Euthanasiegesetz”, wie es auf beiden Landessprachen genannt wird, auf Minderjährige ausgedehnt wird. Auch in den Niederlanden, wo Sterbehilfe schon 2001 legalisiert wurde, kommen Jugendliche hierfür in Frage, allerdings erst ab dem 12. Lebensjahr. In Luxemburg, das 2009 als drittes Land ein Sterbehilfe- Gesetz erliess, ist dies mit elterlicher Zustimmung ab 16 möglich.

In Belgien, wo eine Parlamentsmehrheit aus Sozialdemokraten und Liberalen, Grünen und Flämisch- Nationalisten für die Ausweitung ist, soll das entscheidende Kriterium nun vollständige Willensfähigkeit sein. Ein Offener Brief von Kinderärzten, die das Gesetz befürworten, verwies bereits im November auf die Reife, die junge Patienten durch ihr schweres Schicksal erreichten. Sie plädieren dafür, das “mentale Alter statt dem kalendarischen Alter” als Kriterium zu benutzen. Zur Bestätigung soll neben der Einwilligung von Eltern und mehreren Ärzten auch ein entsprechender psychologischer Bescheid nötig sein.

Ganz anders sieht das eine Gruppe von 160 Kinderärzten, die auf der Zielgeraden noch einen Stimmungsumschwung herbeiführen will. Für eine Gesetzesänderung sei eine gründlichere Debatte nötig, schreiben sie Anfang der Woche in einem Brief an den Parlamentsvorsitzenden André Flahaut. Daher fordern sie , die Abstimmung auf die nächste Legislatureriode zu schieben.  “Selbst bei Verbrechen führt die Impulsivität von Minderjährigen zu einer milderen Strafe. Aber für Sterbehilfe soll sie kein Problem sein”, so Stefaan Van Gool vom Universitätskrankenhaus Löwen.

Strittig zwischen Befürwortern und Gegnern der Ausweitung ist auch das Verhältnis zur Palliativmedizin. Letztere etwa nennt Erzbischof Léonard in seinem Aufruf “hervorragend” und verweist auf  “progressive Schmerzmitteln”, um selbst hartnäckiges Leiden zu lindern. Ausgerechnet einer der profiliertesten Experten bestreitet das: Wim Distelmans, Professor für Palliativmedizin an der Freien Universität Brüssel und Leiter eines palliativen Pflegezentrums. “Trotz guter Pflege gibt es Patienten, die unerträglich leiden, denen wir nicht helfen können.”

Die Zustimmung der Bevölkerung zur Sterbehilfe spiegelt sich in den Statistiken: 2003 gab es 235 Fälle, 2011 waren es 1.050.  In den Niederlanden lag die Zahl 2012 bei 4.188. Die Zahl der Minderjährigen liegt in der Regel zwischen fünf und zehn im Jahr. In diesem Rahmen erwarten Experten auch die künftige Entwicklung in Belgien. 2010 sprachen flämische Medien von 13 Fällen in anderthalb Jahren. Die frankophone Zeitung Le Soir hatte 2009 von 76 Fällen innerhalb von zwei Jahren berichtet, was vielfach bezweifelt wurde. Offizielle Statistiken gibt es nicht, da die Praxis im Verborgenen stattfindet.

Dass sie existiert, haben Kinderärzte mehrfach bestätigt. Es gibt Berichte über todkranke junge Patienten, die sterben wollten, aber nicht durften. Ein anonymer Arzt erzählt von einem Kind, das auf furchtbare Weise an einem Gehirntumor litt. Der Hausarzt verweigerte die Sterbehilfe, worauf die Eltern über Umwege bei besagtem Arzt landeten. Er besorgte die lebensbeendenden Medikamente, übergab sie auf einer Autobahnraststätte dem Vater, der sie seinem Kind verabreichte.

“Wenn es nur einen solchen Fall gibt, müssen wir dafür das Gesetz erweitern”, ist Wim Distelmans überzeugt. Bei politischen Unterstützern hört man immer wieder den Slogan,”Leiden kennt kein Alter” – und leitet daraus ab, dass Sterbehilfe auch keines habe. Erzbischof Léonard indes sieht das ganz anders: Ihm geht es nicht nur um den besonderen Schutz der Kinder, sondern auch um die Zielgruppe, die damit grösser wird. “Hat man diese Tür geöffnet, ist es unmöglich, sie zu schliessen.”

Erschienen auf Zeit online, 13. Februar 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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